Der Slugging Trend in der Hautpflege hat die Beauty-Welt im Sturm erobert. Millionen von TikTok-Videos zeigen glänzende Gesichter, die über Nacht mit einer dicken Schicht Vaseline beschichtet werden. Doch was steckt hinter diesem Trend – und was sagt die Dermatologie tatsächlich dazu?
In dieser Analyse beleuchten wir den Slugging-Trend ausschließlich auf Basis wissenschaftlicher Evidenz. Keine Influencer-Meinungen, keine Marketing-Versprechen – nur Fakten.
Der Begriff „Slugging" leitet sich vom glänzenden, schleimigen Aussehen ab, das an eine Nacktschnecke (englisch: slug) erinnert. Die Methode ist denkbar einfach:
Der Ursprung liegt nicht, wie oft behauptet, in der K-Beauty-Szene, sondern in der ** dermatologischen Praxis**. Seit Jahrzehnten wird Petrolatum in der medizinischen Hautpflege eingesetzt – insbesondere bei Ekzemen, Psoriasis und gestörter Hautbarriere [1].
Petrolatum ist das stärkste okklusive Hautpflegemittel, das uns zur Verfügung steht. Okklusion bedeutet: Es bildet eine physikalische Barriere auf der Haut, die den transepidermalen Wasserverlust (TEWL) drastisch reduziert.
Eine landmark-Studie von Lodén (2005) zeigte, dass Petrolatum den TEWL um bis zu 99 % reduzieren kann – ein Wert, der von keinem anderen Hautpflege-Inhaltsstoff erreicht wird [2].
Um zu verstehen, warum Slugging wirkt, muss man den Hautaufbau kennen:
Wenn diese Barriere gestört ist – durch Umweltfaktoren, übermäßige Reinigung, Retinoide oder Hauterkrankungen – verliert die Haut Feuchtigkeit, wird trocken, empfindlich und anfällig für Irritationen.
Hier setzt Petrolatum an: Es versiegelt die Barriere und gibt ihr Zeit, sich selbst zu reparieren.
Ein häufiges Missverständnis: Vaseline spendet keine Feuchtigkeit. Es ist ein reines Okklusivum. Die Strategie funktioniert nur, wenn vorher Feuchtigkeit auf die Haut aufgetragen wurde – etwa durch Humektanten wie Hyaluronsäure oder Glycerin.
Die Kombination aus Humektant + Okklusivum ist der eigentliche „Trick" hinter Slugging:
| Substanzklasse | Mechanismus | Beispiele | |---|---|---| | Humektanten | Zieht Wasser an und bindet es | Glycerin, Hyaluronsäure, Urea | | Okklusiva | Versiegelt und verhindert Verdunstung | Petrolatum, Dimethicon, Bienenwachs | | Emollientien | Glättet und füllt Zwischenräume | Ceramide, Squalane, Fettsäuren |
→ Weitere Hintergründe zum Hautaufbau und der nächtlichen Regeneration findest du in unserem entsprechenden Guide.
Viele glauben, Vaseline verstopft die Poren. Die Wissenschaft sagt etwas anderes: Petrolatum hat einen Komediogenitäts-Score von 0 (auf einer Skala von 0-5) [3]. Es verstopft die Poren nicht im klassischen Sinne.
Allerdings: Die starke Okklusion kann den Abfluss von Talg behindern und so bei bereits verstopften Poren eine bestehende Akne verschlimmern. Der Unterschied ist subtil, aber klinisch relevant.
→ Wenn du zu Akne neigst, empfehlen wir stattdessen eine gezielte Reinigungsroutine.
Petrolatum ist der Goldstandard, aber nicht die einzige Option:
| Produkt | Okklusiver Effekt | Vorteil | Nachteil | |---|---|---|---| | Vaseline (Petrolatum) | ⭐⭐⭐⭐⭐ | Stärkste Okklusion, günstig | Textur, nicht vegan | | Dimethicon | ⭐⭐⭐⭐ | Leichter, nicht-komedogen | Weniger okklusiv | | Bienenwachs | ⭐⭐⭐ | Natürlich, vegan wenn Candelilla | Geringere Okklusion | | Sheabutter | ⭐⭐⭐ | Zusätzlich entzündungshemmend | Kann komedogen wirken | | Squalane | ⭐⭐ | Sehr leicht, gut verträglich | Kaum okklusiv |
Tipp für Einsteiger: Beginne nicht mit reiner Vaseline, sondern mit einer Creme, die Petrolatum enthält – das ist weniger einschüchternd und oft ausreichend.
→ Produktempfehlungen für verschiedene Hauttypen findest du in unserem Reinigungsöl-Vergleich.
Lodén M. (2005): „The clinical benefit of moisturizers." Journal of the European Academy of Dermatology and Venereology. Zeigte die Überlegenheit von Petrolatum bei der TEWL-Reduktion [2].
Kligman AM (2000): „Petrolatum – a classic but neglected material." International Journal of Cosmetic Science. Bestätigte die Sicherheit und Effektivität von Petrolatum in der Hautpflege [1].
Lodén M, Bárány E. (2000): Vergleichende Studie der okklusiven Wirkung verschiedener Lipide. Petrolatum schnitt am besten ab [4].
Ghadially R et al. (1992): Zeigte, dass Petrolatum nicht nur den TEWL reduziert, sondern auch die Lipidstruktur des Stratum Corneum beeinflusst und die Barriere-Reparatur unterstützt [5].
Die Evidenz zeigt klar: Slugging ist ein einfaches, effektives Verfahren zur Unterstützung der Hautbarriere – mehr nicht, aber auch weniger.
Ja. Petrolatum ist eines der am besten untersuchten Hautpflege-Inhaltsstoffe. Es ist nicht-toxisch, nicht-komedogen und wird seit über 100 Jahren in der Dermatologie eingesetzt. Wichtig: Auf medizinisch reine Qualität achten (z.B. Vaseline 100% Pure Petroleum Jelly).
2-3 Mal pro Woche reicht für die meisten Hauttypen. Bei sehr trockener Haut kann täglich slugged werden – bei Akne-neiger Haut besser gar nicht.
Nein, im physiologischen Sinne nicht. Allerdings kann sich die Haut an die externe Okklusion „gewöhnen", sodass man beim Absetzen kurzfristig ein erhöhtes Trockenheitsgefühl spürt. Dies reguliert sich innerhalb von 1-2 Wochen.
Nein. Jedes hochokklusive Produkt funktioniert. CeraVe Healing Ointment enthält zusätzlich Ceramide und ist eine beliebte Alternative. Auch La Roche-Posay Cicaplast Baume wird häufig als „Slugging-Light" eingesetzt.
Ja, aber mit Vorsicht. Retinol kann die Hautbarriere reizen – Slugging danach kann helfen, die Irritation abzumildern. Allerdings sollte Retinol nicht jeden Tag mit Slugging kombiniert werden, da die Okklusion die Penetration von Retinol verstärken kann.
Beides. Der Trend hat einen bewährten dermatologischen Ansatz populär gemacht. Die Methode selbst ist seit Jahrzehnten etabliert. Der Hype wird vergehen, die Wissenschaft bleibt.
Der Slugging-Trend in der Hautpflege ist ein seltener Fall, in dem ein viraler Trend wissenschaftlich fundiert ist. Petrolatum ist und bleibt der Goldstandard der okklusiven Hautpflege. Die Methode ist einfach, günstig und effektiv – vorausgesetzt, man wendet sie korrekt an und gehört zur Zielgruppe.
Wer zu trockener Haut neigt, eine gestörte Barriere hat oder im Winter unter Spannungsgefühlen leidet, sollte Slugging unbedingt ausprobieren. Alle anderen können getrost darauf verzichten.
Quellen:
[1] Kligman AM. (2000). Petrolatum – a classic but neglected material. Int J Cosmet Sci, 22(5), 373-377.
[2] Lodén M. (2005). The clinical benefit of moisturizers. J Eur Acad Dermatol Venereol, 19(6), 672-688.
[3] Draelos ZD. (2018). The science behind skin care: Moisturizers. J Cosmet Dermatol, 17(2), 138-144.
[4] Lodén M, Bárány E. (2000). Skin-protecting agents. Acta Derm Venereol, 80, 445-449.
[5] Ghadially R et al. (1992). Stratum corneum structure and function. J Invest Dermatol, 99(2), 237-242.
Dieser Artikel gehört zu unserer Serie wissenschaftlich fundierter Hautpflege-Analysen auf bestofme.site. Mehr Wissen findest du unter /wissen/ und /analysen/.
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