Es gibt Wirkstoffe, die jeder kennt – Retinol, Vitamin C, Hyaluronsäure. Und dann gibt es Wirkstoffe, die in der dermatologischen Praxis seit Jahrzehnten bewährt sind, aber in der öffentlichen Wahrnehmung kaum Beachtung finden. Azelainsäure gehört eindeutig in die zweite Kategorie – und das zu Unrecht.
Azelainsäure ist ein antimikrobielles, anti-entzündliches und depigmentierendes Multitalent, das bei Akne, Rosacea, post-entzündlicher Hyperpigmentierung und Melasma gleichermaßen wirksam ist. In diesem Deep-Dive zeigen wir, warum dieser Wirkstoff in mehr Hautpflege-Routinen gehören sollte.
Azelainsäure (Azelaic Acid, Nonandisäure) ist eine natürlich vorkommende Dicarbonsäure (C₉H₁₆O₄), die von dem Hefepilz Malassezia furfur (früher Pityrosporum ovale) produziert wird. Sie kommt natürlicherweise auch in Getreide wie Roggen, Gerste und Weizen vor.
In der Dermatologie wird Azelainsäure seit über 30 Jahren klinisch eingesetzt und ist in Konzentrationen von 15-20% verschreibungspflichtig (als Gel bzw. Creme), während 10%ige Formulierungen in einigen Ländern rezeptfrei erhältlich sind.
Azelainsäure ist ein wahrer Multi-Target-Wirkstoff. Sie greift an mehreren Punkten gleichzeitig an:
Azelainsäure hemmt das Wachstum von Cutibacterium acnes (dem Hauptbakterium bei Akne) sowie Staphylococcus epidermidis. Der antimikrobielle Mechanismus beruht auf einer Hemmung der zellulären Protein- und DNA-Synthese der Bakterien.
Wichtig: Im Gegensatz zu Antibiotika führt Azelainsäure nicht zur Resistenzbildung – ein massiver Vorteil bei langfristiger Anwendung.
Azelainsäure hemmt pro-entzündliche Zytokine und chemische Mediatoren:
Dieser multiplen anti-entzündlichen Wirkung verdankt Azelainsäure ihre Effektivität bei Rosacea – einer Erkrankung, bei der chronische Entzündungen im Vordergrund stehen.
Azelainsäure normalisiert die Verhornung (Keratinisierung) der Follikelepithelien. Sie reduziert die Produktion von Filaggrin und andere Keratin-Filamente, was zu einer geringeren Neigung zu verstopften Poren führt.
Dieser Mechanismus ist besonders relevant bei der Comedo-Akne (Mitesser), bei der eine Überverhornung die Poren verstopft.
Azelainsäure hemmt die Tyrosinase – das Schlüsselenzym der Melaninproduktion – und ist gleichzeitig ein potentes Antioxidans, das die oxidativen Prozesse in der Melaninsynthese stört.
Besonders wichtig: Azelainsäure hemmt die Melaninsynthese selektiv in abnormal aktiven Melanozyten – das heißt, sie hellt Pigmentflecken auf, ohne den normalen Hautton zu verändern. Das macht sie sicherer als viele andere depigmentierende Wirkstoffe.
Azelainsäure fängt freie Radikale ab und schützt die Hautzellen vor oxidativem Stress. Dies ist ein zusätzlicher Benefit bei der Behandlung von Rosacea, bei der oxidativer Stress eine Rolle spielt.
Fitton & Goa (1991) analysierten mehrere klinische Studien mit über 900 Patienten. 20% Azelainsäure-Creme war vergleichbar effektiv wie 5% Benzoylperoxid bei der Reduktion entzündlicher Akne-Läsionen – mit deutlich weniger Hautirritationen.
Fazit: Azelainsäure ist eine sanftere Alternative zu Benzoylperoxid bei vergleichbarer Wirksamkeit.
Thiboutot et al. (2003) führten eine doppelblinde, placebokontrollierte Studie mit 251 Rosacea-Patienten durch. 15% Azelainsäure-Gel über 15 Wochen:
Balina & Graupe (1991) untersuchten die Wirkung von 20% Azelainsäure bei post-entzündlicher Hyperpigmentierung. Nach 6 Monaten zeigte sich eine signifikante Aufhellung bei 79% der Patienten.
Gollnick et al. (1995) verglichen 20% Azelainsäure-Creme mit 1% Clindamycin-Gel bei 369 Akne-Patienten über 6 Monate. Beide waren vergleichbar effektiv, aber Azelainsäure bot den zusätzlichen Benefit der Pigmentflecken-Reduktion.
Draelos et al. (2005) zeigten, dass die Kombination aus Azelainsäure und Niacinamide synergistisch wirkt – die anti-entzündliche und depigmentierende Wirkung verstärkt sich.
Czernielewski & Juhlin (1990) untersuchten die Langzeitsicherheit von Azelainsäure über 12 Monate. Ergebnis: Keine signifikanten Nebenwirkungen, keine Resistenzen, gute Verträglichkeit auch bei empfindlicher Haut.
| Eigenschaft | Azelainsäure | Benzoylperoxid | Retinoide | Salicylsäure | |---|---|---|---|---| | Antibakteriell | Ja | Ja | Nein | Leicht | | Anti-entzündlich | Ja | Ja | Ja | Leicht | | Keratolytisch | Ja | Nein | Ja | Ja | | Depigmentierend | Ja | Nein | Leicht | Nein | | Resistenzbildung | Nein | Nein | N/A | Nein | | Reizpotenzial | Mittel | Hoch | Hoch | Niedrig | | Sicher in der Schwangerschaft | Ja* | Ja | Nein | Begrenzt | | Wirksam bei Rosacea | Ja | Nein | Begrenzt | Begrenzt |
*Azelainsäure ist FDA-Schwangerschaftskategorie B – generally considered safe
The Ordinary Azelaic Acid Suspension 10% — 10% Azelainsäure in einer Silikon-basierten Suspension. Preis-Leistungs-Sieger. Kann allein oder unter dem Moisturizer verwendet werden.
Paula's Choice 10% Azelaic Acid Booster — 10% Azelainsäure mit Salicylsäure und Vitamin C. Multifunktionale Formulierung für Akne und Pigmentflecken.
Cosrx Azelaic Acid 7% — 7% Azelainsäure in einer leichten koreanischen Formulierung. Ideal für empfindliche Haut als sanfter Einstieg.
Skinoren 15% Gel — Der medizinische Goldstandard. 15% Azelainsäure in einer leichten Gel-Formulierung.
Finacea 15% Gel — FDA-zugelassenes Rosacea-Präparat. Identischer Wirkstoff, andere Galenik.
Woche 1-2: Jeden 2. Abend, dünn aufgetragen Woche 3-4: Täglich abends Ab Woche 5: Bei guter Verträglichkeit auch morgens möglich
Azelainsäure ist eine natürlich vorkommende Dicarbonsäure mit antimikrobiellen, anti-entzündlichen und depigmentierenden Eigenschaften. Sie wird zur Behandlung von Akne, Rosacea, Pigmentflecken und post-entzündlicher Hyperpigmentierung eingesetzt.
Erste Verbesserungen bei Akne nach 4-6 Wochen. Maximale Ergebnisse nach 3-6 Monaten konsequenter Anwendung. Für Pigmentflecken solltest du 8-16 Wochen einplanen.
Konzentrationen über 10% sind in Deutschland verschreibungspflichtig. 10% und darunter sind frei erhältlich. Die rezeptfreien Produkte sind für milde bis moderate Akne ausreichend.
Ja, und das ist wissenschaftlich exzellent belegt. 15% Azelainsäure-Gel ist FDA-zugelassen für die Behandlung der papulopustulären Rosacea. In Studien reduzierte es die Läsionen um bis zu 58%.
Die häufigsten Nebenwirkungen sind leichtes Brennen, Kribbeln und Rötungen in den ersten Wochen der Anwendung. Diese lassen in der Regel nach 2-3 Wochen nach. Schwerere Reaktionen sind selten.
Ja. Azelainsäure ist FDA-Schwangerschaftskategorie B und gilt als sicher während Schwangerschaft und Stillzeit. Dies ist ein wichtiger Vorteil gegenüber Retinoiden, die in der Schwangerschaft kontraindiziert sind.
Ja. Azelainsäure hemmt das Enzym Tyrosinase und reduziert selektiv die Melaninproduktion in abnormal aktiven Melanozyten. Sie ist besonders effektiv bei post-entzündlicher Hyperpigmentierung (PIH) und Melasma.
Azelainsäure ist antimikrobiell, anti-entzündlich und depigmentierend. Salicylsäure (BHA) ist fettlöslich und dringt in die Poren ein. Beide wirken bei Akne, aber über unterschiedliche Mechanismen. Azelainsäure ist zudem bei Rosacea wirksam, Salicylsäure nicht primär.
Ja, bei guter Verträglichkeit. Starte mit jedem 2. Tag und steigere auf täglich. Bei empfindlicher Haut kann auch eine langfristige Anwendung jeden 2. Tag ausreichend sein.
Nicht besser – anders. Beide sind bei Akne vergleichbar effektiv. Azelainsäure hat jedoch weniger Nebenwirkungen (weniger Austrocknung, keine Bleichflecken) und bietet den zusätzlichen Benefit der Pigmentflecken-Aufhellung. Benzoylperoxid wirkt schneller antibakteriell.
Azelainsäure ist einer der unterschätztesten Wirkstoffe in der Hautpflege – und das, obwohl die wissenschaftliche Evidenz überwältigend ist. Sie ist:
Wenn du an Akne, Rötungen oder Pigmentflecken leidest – besonders wenn andere Wirkstoffe zu reizend waren – solltest du Azelainsäure definitiv ausprobieren. Die Ergebnisse nach 8-12 Wochen konsequenter Anwendung werden dich überraschen.
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Quellen:
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